"Bildung und Gerechtigkeit"

Landespolitischer Abend Prominente Gńste bei Kolping: Moderatorin Brigitte BŘscher und Referent Prof. Rainer DollaseFoto: Stefan Weiner„Bildung und Gerechtigkeit“

„Muss heute wirklich jeder alles wissen? Ist Wissen noch Macht? Ist Bildung überhaupt noch wirtschaftlich?“, fragt Professor Rainer Dollase in Düsseldorf und macht damit klar, dass eine Podiumsdiskussion zum Thema „Bildung und Gerechtigkeit“ durchaus kontrovers sein kann. Im 3. Landespolitischen Abend hat das Kolpingwerk NRW neben Professor Dollase, Ludwig Hecke, Staatssekretär für Schule und Weiterbildung sowie Prof. Dr. Thomas Sternberg, Mitglied des Landtags und Direktor der katholisch-sozialen Akademie des Bistums Münster zur Diskussion auf das Podium geladen. Moderiert von Brigitte Büscher, ist der Abend im Maxhaus im Herzen der Düsseldorfer Altstadt zu einer lebhaften Diskussion über die Zukunft der Schulbildung nicht nur in NRW geworden.

In der Begrüßung von Karl Schiewerling, Landesvorsitzender des Kolpingwerks NRW, wird bereits das zentrale Thema angesprochen: Bildung und Gerechtigkeit, heißt Bildung im Sinne Adolph Kolpings die Menschen tüchtig zu machen, sie zu prägen und zu formen, damit sie die Dinge überblicken können, um gerecht und nachhaltig zu handeln.

Das Eröffnungsreferat von Professor Rainer Dollase, Psychologe an der Universität Bielefeld und Experte in Unterrichtsfragen, zeigt jedoch, dass noch viel getan werden muss, um dieses Ziel zu erreichen. Vor allem der „Bildungsdünkel als Kollateralschaden der Bildungsreform“ ist für ihn das Hauptproblem. Es gibt zu viele Vorurteile gegen einfache Bildung. Ganz nach dem Motto: Wenn du dich nicht anstrengst, wirst du Straßenfeger. „Wenn aber die Straßenfeger drei Wochen streiken, hat die ganze Stadt ein Problem. Doch wenn die Universität drei Wochen streikt, bekommt das niemand mit. Wo sind hier die Verhältnisse?“, so Dollase und fragt außerdem: „Was ist wirtschaftlicher? Ein tüchtiger Dachdecker oder ein promovierter Anglist?“ Der Bildungsbegriff muss erweitert werden. Fähigkeiten müssen anders festgestellt, anders gebildet und anders qualifiziert werden, sagt Dollase. Und das sollte von den Lehrern kommen. Die Lehrer müssen besser werden und jeden Schüler in seinem individuellen Weg bestärken. Eine Vollakademisierung ist unbrauchbar.

So sieht das auch Ludwig Hecke. Er prangert an, dass ein guter Hauptschulabschluss weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, als ein mittelmäßiger Realschulabschluss. Doch das Bildungssystem wegwerfen und einfach neu beginnen, ist nicht möglich. Eine gute Schule kann nicht „von oben“ verordnet werden. Sie entsteht vor Ort, im individuellen Umfeld.

Auch Prof. Dr. Thomas Sternberg unterstützt Rainer Dollase, indem er sagt: „Bildungswege sind individuell. Es ist grotesk, wie sehr unsere Gesellschaft auf das Abitur fixiert ist. Die anderen Abschlüsse werden einfach nicht beachtet.“ Hauptschüler und Realschüler brauchen mehr Selbstbewusstsein, erklärt Sternberg und fordert eine höhere Aufmerksamkeit von Nicht-Effizienz-orientierten Fächern wie Religion oder Philosophie, um Werte wie Solidarität, Achtung und der Würde vor Gott in der Gesellschaft wieder stärker zu verankern.

Nach gut anderthalb Stunden Diskussion sind viele Themen angesprochen und viele Probleme erörtert. Alles kann nicht gelöst werden, doch ist man sich einig, was ein erster Ansatz sein könnte: Die Lehrer müssen vom reinen Frontalunterricht ab und mehr zum sog. Classroom Management. Bei einer Gruppe von 30 Schülern kommt der Einzelne zu kurz. Daher muss ein Unterricht entwickelt werden, der jeden Schüler erfassen und ihn in seine individuelle Richtung leiten kann. Sei es Abitur und Studium oder Mittlere Reife und eine Lehre.

Zum Abschluss erinnert Karl Schiewerling nochmal an viele begabte Ehrenamtliche in den Kolpingwerken, die trotz ihrer hohen Qualifikationen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, weil sie vielleicht nur einen einfachen Bildungsweg gegangen sind. Außerschulisches Engagement sollte einen höheren Stellenwert bekommen. Denn der Mensch ist nicht einfach nur ökonomisches Gut.

Stefan Weiner