„Die Welt war lange genug nur Zuschauer“

Kolpingsfamilie Dingden engagiert sich gegen religiöse Verfolgung

 „Aktiv gegen religiöse Verfolgung“ hieß es bei einer Veranstaltung der Kolpingsfamilie Dingden in der Akademie Klausenhof. Etwa hundert interessierte Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung zum Austausch über das Thema Flucht und Vertreibung im Irak und in Syrien. Das Kolpingwerk Nordrhein-Westfalen startete vor wenigen Wochen eine Kampagne, mit der sie die Menschen in NRW auf die Not der Flüchtlinge aufmerksam machen will. Mehr als 14.000 Unterschriften sind im Rahmen dieser Aktion bereits zusammengekommen. Die Akademie Klausenhof versteht sich seit mehr als 40 Jahren als ein Ort der interkulturellen Arbeit, betonte der Akademieleiter Dr. Hans Amendt. Er begrüßte die Teilnehmer gemeinsam mit dem Präses der Kolpingsfamilie, Michael Wenk.

 „Ich spreche zu Ihnen heute auch als bekennende Muslima und das ist in dieser Zeit besonders schwierig, weil der schreckliche Terror im Namen meiner Religion ausgeübt wird“, betonte Serap Güler. Sie ist integrationspolitische Sprecherin der CDU Landtagsfraktion. Sie habe ihren Glauben mit so schrecklichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bislang nicht in Verbindung gebracht. Güler forderte die muslimischen Verbände auf, aktiv zu werden und sich ganz entschieden gegen die Unmenschlichkeit der ISIS zu stellen.  Hier versuche sie Überzeugungsarbeit zu leisten, dass die Imame in den Moscheegemeinden sich gerade auch den Sorgen der jungen Menschen annehmen und so vielleicht vermieden werden könne, dass diese im Irak oder in Syrien in den bewaffneten Kampf ziehen. Das Thema religiöse Verfolgung ist für die Menschen in Deutschland oft weit entfernt, stellt Serap Güler fest. „Wir waren lange genug nur Zuschauer. Jetzt muss im Interesse der Menschen gehandelt werden.“

Güler warf der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen vor, lediglich Flickschusterei zu betreiben, anstatt die Probleme systematisch anzugehen. „Asylsuchende sollten zunächt in Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes betreut werden. Sie werden jetzt viel zu schnell in die Kommunen weitergeschoben.“ Das sorge für eine Überforderung der jeweiligen Städte. Aber auch die Gesellschaft sei gefragt. „Wir müssen alle im Geiste Adolph Kolpings gemeinsam aktiv werden und die Menschen, die sich auf dem Weg befinden, bei uns positiv aufnehmen. Wir dürfen diejenigen, die zumeist schwer traumatisiert sind, in ihrer Not nicht auch noch ausstoßen und ausgrenzen.“ Viele gesellschaftliche Gruppen hätten allerdings bereits ihre Verantwortung erkannt: „Wir müssen  in Deutschland noch mehr Menschen aufnehmen und mehr für die Menschen tun. Die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt muss ihrer Verantwortung mehr gerecht werden.“

Der Journalist Mark Seidel hatte sich ebenfalls auf den Weg nach Dingden gemacht um von persönlichen Erfahrungen aus der Krisenregion zu berichten. In einem von Norbert Neß moderierten Gespräch erzählte er gemeinsam mit seiner Frau Tamar, einer orthodoxen Christin, die aus dem syrischen Aleppo stammt, von der bedrängenden Not der Menschen. Diese hat auch ihre Familie erreicht. Die Großmutter von Tamar Seidel lebt noch in Aleppo. „Es geht ihr nicht gut, aber sie lebt“, ist das bedrückende Fazit der Eheleute. „Sie hat mir letztens gesagt, dass sie sich nicht mehr an den Geruch von Fleisch erinnert“, berichtet Tamar Seidel. So viele Monate habe sie kein Fleisch mehr zu essen bekommen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die medizinische Betreuung sind in der Region zunehmend problematisch. Lange habe die Großmutter sich dagegen gewehrt, die Heimat zu verlassen. „Jetzt wächst aber auch bei ihr die ständige Angst, dass auf einmal die IS-Terroristen vor ihrer Tür stehen.“ Die Bedrohung sei überall spürbar, weiß Mark Seidel. „Christen werden genötigt zu konvertieren, alternativ wird ihnen die Kreuzigung angedroht.“ Er kenne das Schicksal zweier ihm persönlich bekannter Christen, die nicht bereit waren zum Islam überzutreten. „Sie wurden einfach umgebracht.“ Auch er ist der Auffassung, dass die ganze Welt lange gesehen habe, was in der Region geschieht und trotzdem nur unbeteiligt zugeschaut habe. Der Westen habe sich an seinen eigenen Maßstäben und Vorstellungen orientiert und die Bedürfnisse der Menschen in der Region nicht im Blick gehabt. Im Hinblick auf die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge forderte Seidel Erleichterung bei rechtlichen Hemmnissen, die eine Zuwanderung oft erschweren. „In der Politik wird zwar viel über humanitäre Hilfe geredet, sie ist aber in der praktischen Durchführung oft durch zu viele verwaltungsrechtliche Hemmnisse überfordert.“

Nach den Einganggsstatements entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die zeigt, dass die Menschen in Dingden auch die Fragen nach den Ursachen der religiösen Verfolgung bewegen. Schockiert waren sie auch über die Information, dass es sich bei der IS um die finanziell am besten aufgestellte Terrororganisation der Welt handelt.

Der Diözesangeschäftsführer des Kolpingwerkes im Bistum Münster, Uwe Slüter, dankte der Kolpingsfamilie Dingden, dass sie sich mit der Veranstaltung diesem wichtigen Thema angenommen habe.  „Auch die große Resonanz auf die Kampagne des Kolping-Landesverbandes zeigt, wie wichtig es ist, die Menschen für die Not der Flüchtlinge zu sensibilisieren.“

Text: Heinrich Wullhorst, Wukomm

Bild: KF Dingden

 

v.r.: Marc Seidel, Journalist; Dr. Hans Amendt, Direktor der Akademie Klausenhof; Tamar Seidel; Nobert Neß, CDU- Stadtverbandsvorsitzender ; Serap Güler, Landtagsabgeordnete NRW CDU und Integrationssprecherin; Uwe Slüter, DV- Geschäftsführer Kolping Bistum Münster; Diakon Michael Wenk, Präses KF Dingden; Manfred Brauers, Vorsitzender KF Dingden.