Schwerpunkt Familie: Konkrete N÷te in den Blick nehmen

Die Herausforderungen für Familien und ihre ökonomische Bedeutung für die Gesellschaft standen im Mittelpunkt eines Studientages im Rahmen der  Landesversammlung des Kolpingwerkes Nordrhein-Westfalen. Bereits der Verbandsgründer Adolph Kolping habe die zentrale Bedeutung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft im Blick gehabt, betonte Karl Schiewerling MdB, der Landesvorsitzende des katholischen Sozialverbandes mit etwa 100.000 Mitgliedern in NRW, zu Beginn der Versammlung. „Familien haben eine zentrale Bedeutung für die Volkswirtschaft.“ Die Frage sei, „ob wir die richtigen Erkenntnisse und Konsequenzen daraus ableiten“. Das Kolpingwerk NRW will sich für die Landtagswahl in NRW inhaltlich positionieren und nutzte den Studientag als Auftakt für weitere Diskussionen.

Notburga Ott, Professorin für Sozialpolitik und Institutionenökonomie an der Ruhr-Universität Bochum warf einen Blick auf die Rolle der Familie in der heutigen Gesellschaft. „Moderne Gesellschaften brauchen kompetente und selbstverantwortliche Persönlichkeiten“, schilderte Ott den etwa 50 Delegierten.  Hier habe die Familie eine zentrale Verantwortung. „Im familiären Umfeld erfahren nachwachsende Generationen  Fähigkeiten wie Sozialkompetenz.“ Auch als sozialer Raum für die Gesunderhaltung und Regeneration habe die Familie ebenfalls eine besondere Bedeutung.

Die Anforderungen an die Familien seien mit dem zunehmenden globalen Wettbewerbsdruck allerdings gestiegen. „Dadurch sind sie vielfach überfordert“, ergänzte die Professorin. „Die heute notwendige Sozialisation und Bildung brauchen mehr als die Familie leisten kann.“ Deshalb benötige die Familie die Unterstützung der Gesellschaft. Das erforderliche Interaktions- und Lernumfeld und die notwendige Infrastruktur könnten nicht allein von den Eltern sichergestellt werden. „Bei der Verantwortung für die nachwachsenden Generationen kann es kein entweder oder geben. Vielmehr müssen Familie und Staat eng zusammenwirken.“

Ott kritisierte den unzureichenden Leistungsaustausch zwischen denen, die Kinder erziehen und denen, die kinderlos bleiben. „Familien sichern den Bestand und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gesellschaft. Darüberhinaus ist die nächste Generation im derzeitigen umlagefinanzierten System erforderlich, um die Renten aller zu finanzieren.“ Das bestehende Rentensystem sozialisiere den volkswirtschaftlichen Wert der Erziehung und Ausbildung von Kindern. Eltern würden einseitig investieren, den späteren Ertrag habe aber die Gesellschaft. Der oftmals behauptete Ausgleich durch eine Mehrbelastung Kinderloser existiere nach wissenschaftlichen Studien nicht.

Die Professorin plädiert daher für einen Umbau der Rentensystems. Nach ihrer Vorstellung soll es künftig eine Basisrente geben, die auf dem jetzigen Niveau eingefroren werden müsse. Daneben soll es eine im Umlagesystem durch alle Erwerbstätigen finanzierte „Kinderrente“ geben. Je mehr Kinder man hat, desto höher ist der Rentenanspruch. Im Gegenzug müssen alle, die weniger als 3 Kinder haben, in eine verpflichtende Sparrente einzahlen, um die Differenz auszugleichen.

In der anschließenden Diskussion machten die Delegierten aus dem Kolpingwerk Landesverband NRW deutlich, dass sie vor allem die konkreten Nöte der Menschen in den Mittelpunkt stellen wollen. Lösungen für spezielle Bereiche wie die der Alleinerziehenden, oder der sozial schwachen Familien, müssten vorrangig in den Blick genommen werden. Mit konkreten Forderungen könne es auch besser gelingen öffentlich wahrgenommen zu werden. Notbura Ott sieht eine Chance für Verbände wie das Kolpingwerk auch darin, „als ausgleichende Stimme in den Medien die Lebensrealität zwischen den unterschiedlichen Polarisierungen aufzeigen“.

 

Prof. Dr. Notburga Ott (vorne links im Podium) referierte vor den Delegierten zum Thema \"Die gesellschaftspolitische Bedeutung der Familie\".